Das Besteigen des Stuhls

Ich bin schon während des Vorgesprächs nervös. Nicht, dass ich zum
ersten Mal in dieser Situation bin, es ist ja immer dieselbe. Der
Stuhl ist da, ich sehe ihn, wenn ich die Augen leicht nach links
wende, oder auch aus den Winkeln. Warum hat mein Arzt so ein altes
Modell mit Beinschalen, wo es doch heute die modernen gibt, in die
man die Füße stellt, ohne sich so aufgebockt zu fühlen?
In der Kabine entkleide ich mich rasch und vollständig. WEnn schon
nackt, dann richtig, und natürlich  bin ich barfuß, wenn ich
ich die vier Meter zum Stuhl gehe. Vorher sage ich ihm Bescheid: Herr
Doktor, ich bin dann soweit.
Eine Stufe muss ich nehmen, dann drehe ich mich um, wende meinen
Körper ihm zu, der noch hinter dem Schreibtisch sitzt und sich jetzt
erhebt. Ich stemme mich mit beiden Händen hoch, setze mich auf das
alte schwarze Leder, auf das die Helferin die Unterlage gelegt hat.
Links und rechts die Beinhalter mit den schwarzen Schalen. So weit
auseinander! Ich sehe ihn kommen, das Bild verschwimmt leicht, ich
sehe nur noch die Schalen, meine Beine. Ich lege sie hoch, als er
fast da ist. Die Helferin neben mir justiert die Positition. Ich sehe
meine Füße, hätte ja den Lack mal noch erneuern können, wie sieht das
jetzt aus… Na ja. Der Doc ist da, jetzt taucht sein Gesicht aus
der Unschärfe aus, er lächelt freundlich, sachlich wie immer, na
dann wollen wir mal. Vorrutschen bitte, leicht fordernd schlägt seine
Hand auf die Kante des Sitzes. Ich gehorche, ich sehe meine Frucht
sich öffnen, ich sehe, wie er sie ansieht, seine Handschuhe
überstreift, kurz meinen Blick sucht und dann… Die Finger, die
meine Lippen öffnen. Der Stuhl, meine Beine, die in der Luft
hängenden Füße, mein vor Nervosität leicht bebender Bauch, ich falte
die Hände und versuche loszulassen. Es ist ja nur der Stuhl, nur eine
Untersuchung, und es ist schnell vorbei.

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